Kaiser Wilhelm II.

Kaiser Wilhelm II.

Einen Moment lang habe ich überlegt, den Link zu dieser Seite „Der letzte Kaiser“ zu nennen. Doch das Wort „letzte“ war mir zu doppeldeutig. Das Risiko, mit jenen in einen Topf geworfen zu werden, die von den ungeheuren, heute kaum noch vorstellbaren Leistungen der wilhelminischen Epoche nichts wissen (wollen), dafür aber für alles, was zu dieser Zeit schief gelaufen ist, reflexartig erst mal diesem Mann und damit – was jenen vielleicht das eigentliche Anliegen ist – dem Deutschen Reich in die Schuhe schieben, während sie sich selbst für den Gipfel der Evolution halten, nur weil sie heute keine Pickelhaube mehr tragen, dieses Risiko war mir einfach zu groß.

Wilhelm II. wurde am 27. Januar 1859 als ältester Sohn von Kronprinz Friedrich Wilhelm, dem späteren Kaiser Friedrichs III. und seiner Gemahlin, Kaiserin Viktoria, in Potsdam geboren. Der Enkel Kaiser Wilhelm I. besuchte das Gymnasium im Nordhessischen Kassel, 1881 heiratete er Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, 1888 übernahm er die Krone von seinem Vater Kaiser Friedrich III., der nach nur 99tägiger Regierungszeit infolge eines Kehlkopfkrebses verstarb.

Zu seinen ersten politischen Aktivitäten zählten Reformen zur sozialen Besserstellung der Arbeiterschaft, von denen er sich eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Arbeiterschaft und Staat und Krone erhoffte. Über diese Reformen kam es mit dem langjährigen Reichskanzler Otto von Bismarck zu Meinungsverschiedenheiten, die 1890 zur Entlassung Bismarcks führten. Während der 30jährigen Regierungszeit Wilhelm II. erlebte das Deutsche Reich eine nie wieder erreichte wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Blüte, aus eigener Kraft und bei vollständiger Souveränität.

Während die Bevölkerungszahl von 1871 bis bis 1911 von 41 Millionen auf 65 Millionen Deutsche im Reichsgebiet stieg, stieg das Bruttoinlandsprodukt von 14,1 Milliarden Mark (1871) auf 48,4 Milliarden Mark (1913) zu, vervierfachte sich also in weniger als zwei Generationen nach der Reichsgründung. Angesichts dieser 400prozentigen Steigerung erscheint das Frohlocken, dass Journalisten und Politiker heute zeigen, wenn die ohnehin trübe Prognose nur um einige Zehntel Prozent übertroffen wird, geradezu Mitleid erregend. An den Universitäten stieg die Zahl der Studenten zwischen 1872 und 1912 von 22.892 auf 71.710. Allein an den preußischen Hochschulen nahm die Zahl der Professoren von 869 auf 2108 zu; die Anzahl der Lehrer an allgemeinbildenden Volksschulen von 48.211 (1871) auf 117.162 (1911). Dies alles wurde aber noch in den Schatten gestellt durch etwas, das kein anderer Staat der Erde in dieser Form zu bieten hatte: das fortschrittlichste und menschenfreundlichste Sozialsystem überhaupt. Bereits 1885 hatten die gesetzlichen Krankenversicherungen 4,2 Millionen Mitglieder, 1916 hatte sich die Zahl auf 15,6 Millionen erhöht. Gab es 1886 gerade einmal 286 Rentenempfänger, waren es 1914 bereits über 1 Million.

Wenn es 1914 einen Staat gegeben hat, der in einem Krieg am wenigsten zu gewinnen und am meisten zu verlieren hatte, dann war es das Deutsche Reich. Dies war auch den führenden Kreisen in Deutschland bewusst. Jahrzehnte lang hatte man den kriegerischen Ambitionen vor allem Frankreichs durch immer aufwendigere diplomatische Manöver Einhalt gebieten können, insbesondere Bismarck hat hier seinen Weltruf als Diplomat begründet. Doch am Ende zog sich die Schlinge doch zu und stellte die Verantwortlichen vor die Alternative, das Schwert zu ziehen, um vielleicht doch den befreienden Schnitt zu schaffen oder zwischen Frankreich und dem Beute hungrigen Zarenreich zermalmt zu werden. Gab es zu Beginn noch eine vage Hoffnung, die beiden weit überlegenen Gegner mit den Waffen in die Schranken zu weisen, musste diese mit dem Kriegseintritt des des Groß-Britannischen Weltreiches begraben werden. Groß-Britannien beherrschte damals ein Viertel der Erde und war schon zu dieser Zeit mit der kommenden Weltmacht USA eng verbündet.

Besuch der Straßburger Kunstgewerbe-Schule und der angeschlossenen Sammlung durch Kaiser Wilhelm II (aus der Tür tretend, vorne, links). Durch die Sammlung führte Prof. Seder, Leiter der Schule. Als besonders positiv empfand der Kaiser den überall wahrnehmbaren Bezug der Arbeiten zur Natur und ihrer Formgebung.

Die Regierungszeit Wilhelms II. endete mit der zu erwartenden Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Am 09. November 1918 dankte er als Kaiser ab, am 28. November 1918 erklärte er aus dem holländischen Exil seinen immer währenden Thronverzicht. Versuche der Siegermächte Wilhelm II. in ihre Gewalt zu bekommen und in einem Schauprozess als Kriegsverbrecher zu diffarmieren scheiterten am hartnäckigen Widerstand der niederländischen Regierung. Mit ihrem Mut und ihrer Anständigkeit ersparten die Holländer so nicht nur dem Hause Hohenzollern sondern im Grunde allen Deutschen eine weitere tiefe Demütigung durch die perfide Willkür der Siegermächte. 1941 verstarb Wilhelm II. in seinem holländischen Exil in Dorn.

Wilhelm II. hatte eine Kindheit, wie man sie niemandem wünschen möchte. Nach einer schweren Geburt mit einem behinderten linken Arm versehen, waren seine ersten Lebensjahre von schmerzhaften Behandlungsversuchen geprägt. Möglicher Weise aber noch schlimmer als diese körperlichen Quälereien war das seelische Leid, dass der Knabe durch die Verachtung seiner Mutter, der ältesten Tochter von der englischen Queen Victoria erfuhr.

In Wilhelms qualvolle Kindheit ist hinsichtlich der Auswirkungen auf sein späteres Leben viel hineingedichtet worden. Fest steht nur weniges, und das wichtigste hiervon scheint mir zu sein, dass er sich nicht, sobald er dazu in der Lage war, in irgendwelche weltlichen Genüsse flüchtete, aristokratischer Lebemann oder umgekehrt tyrannischer Despot wurde, sondern seine ganze Kraft auf seine Pflichten als Staatsoberhaupt verwandte und alle seine Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen davon abhängig machte, ob sie zum Wohle des deutschen Volkes und des deutschen Reiches sein würden. Hierbei behielt er stets die Interessen aller Schichten im Auge. Wilhelm II. war wie jeder Mensch sicher nicht unfehlbar, in seiner Arbeit jedoch mehr als viele vor und nach ihm erfolgreich. In wirtschaftlicher, technologischer, kultureller, wissenschaftlicher und sozialer Hinsicht erlebte Deutschland die erfolgreichste Phase seiner Geschichte und übertrumpfte in wenigen Jahrzehnten alle alten Großmächte, selbst jene, die zur Erlangung und Sicherung des eigenen Wohlstandes im Unterschied zum Deutschen Reich fremde Länder und Kontinente nach Kräften ausbeuteten.

Weitere Deutschland-Dokumente (in Vorbereitung):



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