Heim ins Reich

Innsbruck 1938

Innsbruck, 12. März 1938: Einrückende Wehrmachtseinheiten werden von der österreichischen Bevölkerung begeistert empfangen


aus: Deutschland einig Vaterland, Geschichte unserer Gegenwart

von

Hellmut Diwald


Das Ende des Ersten Weltkrieges hatte auch den Zusammenbruch der Habsburger Monarchie bedeutet. Kaiser Karl I. trat am 11. November 1918 zurück. Die „Provisorische Nationalversammlung“ in Wien, die am 21. Oktober zusammengetreten war, nahm schon am nächsten Tag einstimmig ein Gesetz über die neue Staats- und Regierungsform an. In seinem Artikel 2 wurde festgestellt: „Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik.“ Damit war ein Schlusspunkt gesetzt unter die Aussperrung der Deutschen Österreichs aus dem Deutschen Reich, das am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles proklamiert worden war. Sämtliche Abgeordnete in Wien erhoben sich von den Plätzen, als Staatskanzler Karl Renner, der führende Sozialdemokrat und Austromarxist, verkündete, dass es „gerade in dieser Stunde, wo es so leicht und so bequem und vielleicht auch so verführerisch wäre, seine Rechnung abgesondert zu stellen“, für Österreich nur den „Weg der eigenen deutschen Schicksalsgemeinschaft“ geben könne. So selbstverständlich den Deutschen Österreichs die Vereinigung mit Deutschland erschien, so sehr verband sich damit für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei eine Grundsatzfrage. Sie betrachtete die Vereinigung Österreichs und Deutschlands als den notwendigen Abschluss und die Vollendung der Revolution von 1918.

Am darauffolgenden Tag gaben auch die Sudetendeutschen, die deutschen Bewohner in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien bekannt, dass sie sich und ihre Wohngebiete künftig als Teil des Deutschen Reiches betrachteten. Am 22. November 1918 wurde dann in Wien ein Gesetz über den Umfang, die Grenzen und die Beziehungen des neuen Gebildes verkündet. Das Territorium erstreckte sich, auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes, über „das geschlossene Siedlungsgebiet der Deutschen innerhalb der bisher im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder“; es wurde als Teil des Deutschen Reiches bezeichnet. Es handelte sich um die Alpenländer, einschließlich Südtirols, um Österreich selbst und um das Sudetenland.

Im Vertrag von St. Germain en Laye am 10. September 1919 wurde Österreich in Artikel 188 der Anschluss an das Deutsche Reich kategorisch verboten. Das entsprach demselben Verbot in Art. 80 des Versailler Vertrages mit dem Deutschen Reich. Über die Sudetendeutschen wurde ohne Konsultation entschieden. Am 4. März 1919 hatten Abertausende auf friedlichen Kundgebungen in Dörfern und Städten ihr Recht auf Selbstbestimmung gefordert. Tschechisches Militär schoss die Versammlungen zusammen, man zählte sechsundfünfzig Tote und ein Vielfaches an Verletzten.

Feierlich hatten die alliierten Sieger das Selbstbestimmungsrecht der Völker zur Grundlage der Neuordnung Europas erklärt. Die Deutschen in Österreich, in der neugegründeten Tschechoslowakei und in Südtirol lernten das Selbstbe-stimmungsrecht nur als gröblichste Verletzung, als eine Verneinung dieses Rechts kennen. Beide Staatsgebilde, sowohl Österreich als auch die Tschechoslowakei, trugen in der Zwischenkriegszeit das Brandzeichen, dass ihre Staaten nicht auf dem Fundament des Selbstbestimmungsrechts errichtet waren, sondern aufgrund einer Vergewaltigung des Selbstbestimmungsrechts des deutschen Volkes.

Am 12. März 1938 rückte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein. Ausgelöst wurde die Maßnahme durch den neuen Bundeskanzler Seyß-Inquart, dem Nachfolger Kurt von Schuschniggs. Er bat in Berlin um Entsendung von Truppen. Amtlich wurde der Einmarsch, der zur Vereinigung Österreichs mit Deutschland führte, mit der Absicht begründet, „jeder Bürgerkriegsgefahr zu begegnen“. Die deutschen Soldaten überquerten die Grenze mit Fahnen und Musik; sie führten keine Munition mit sich. Die Bevölkerung begrüßte sie frenetisch, Österreich wurde vom größten Freudentaumel dieses Jahrhunderts erfasst. Hitler traf am 14. März in Wien ein. Langsam fuhr er im offenen Auto durch die Straßen. Alle Kirchenglocken der Metropole läuteten. Als er auf den Balkon seines Hotels trat, schlug ihm von den Hunderttausenden auf dem Schwarzenbergplatz ein Orkan der Begeisterung entgegen.

Am 10. April 1938 fand die Volksbefragung über den Anschluss statt. Der Episkopat Österreichs erließ eine Erklärung: „Am Tage der Volksabstimmung ist es für uns Bischöfe selbstverständliche Pflicht, uns als Deutsche zum Deutschen Reich zu bekennen.“ Man mag die Korrektheit der Volksabstimmungen im Deutschen Reich unter Hitler mit Fragezeichen versehen. Für den 10. April 1938 gelten keine Vorbehalte, auch wenn man die 99,73 Prozent Ja-Stimmen für unglaublich halten sollte.

Selbst Karl Renner, der nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 zum ersten Bundespräsidenten der neugegründeten Republik Österreich gewählt wurde, hatte am 3. April 1938 erklärt: „Ich habe als erster Kanzler Deutsch-Österreichs am 12. November 1918 in der Nationalversammlung den Antrag gestellt und zur nahezu einstimmigen Annahme gebracht: Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik. – Österreich gab am 12. November 1918 die würdige Antwort, indem es den Anschluss verkündete. Nun ist diese zwanzigjährige Irrfahrt des österreichischen Volkes beendigt, es kehrt geschlossen zum Ausgangspunkt, zu seiner feierlichen Willenserklärung vom 12. November zurück. Das traurige Zwischenspiel des halben Jahrhunderts 1866-1918 geht hiermit in unserer tausendjährigen gemeinsamen Geschichte unter. Als Sozialdemokrat und somit als Verfechter des Selbstbestimmungsrechts der Nationen, als erster Kanzler der Republik Deutsch-Österreich und als gewesener Präsident ihrer Friedensdelegation in St. Germain werde ich mit Ja stimmen.“

Die Vorbereitung des Anschlusses im Februar/März 1938 lag in den Händen Hermann Görings. Im Nürnberger Prozess der Siegeralliierten wurde er deshalb von der Anklage bezichtigt, einen Angriffskrieg gegen Österreich geplant und durchgeführt zu haben. Göring lächelte ironisch, schüttelte den Kopf: „Einen Angriffskrieg führt man, wenn man schießt, Bomben wirft. Hier aber wurde nur eins geworfen, und das waren Blumen.“ Auch die Sudetendeutschen warfen wenige Monate später Blumen, auch sie weinten wie die Österreicher vor Freude, Glück, Erleichterung, ja Erlösung. Im Jahre 1938 wurde die Tatsache annulliert, dass 1919 das Gewaltrecht der Sieger über das Selbstbestimmungs-recht triumphierte, dass beide Staaten, Österreich und die Tschechoslowakei, ihre Existenz einer Vergewaltigung des Selbstbestimmungsrechtes verdankten.

Wer einem Volk dieses Recht vorenthält, verletzt sein elementares Grundrecht. Diejenigen, denen es verweigert wird, leiden höchst konkret, körperlich spürbar, darunter. Das galt 1919. Das gilt 1990. Das galt und gilt für die Österreicher und Sudetendeutschen, für die Litauer, Letten und Esten, für die Palästinenser und die Schwarzen in Südafrika. Das gilt auch für alle Deutschen, denen Deutschland mehr ist als nur ein Wort.

In München kamen am 29. September 1938 auf Anregung Benito Mussolinis die führenden Staatsmänner Englands, Frankreichs, Italiens und Deutschlands zusammen. Auf der Grundlage eines Berichts, den Lord Walter Runciman, Lord-Präsident des Staatsrates in London, auf Bitten der englischen Regierung nach wochenlangen Recherchen in der Tschechoslowakei erstellt hatte, wurde das Sudetenland an das Deutsche Reich abgetreten. Lord Runciman hatte in seinem Memorandum erklärt, er habe während seines Aufenthalts, seiner Gespräche mit zahlreichen Politikern, seiner Reisen durch die Tschechoslowakei die Erkenntnis gewonnen, dass das Sudetenland an das Deutsche Reich zu übergeben sei, und zwar im Zuge einer „unmittelbaren und drastischen Durchführung. Für mich wurde es selbstverständlich, dass denjenigen Grenzbezirken zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland, wo die Sudetenbevölkerung in überwiegender Mehrheit ist, sofort das volle Selbstbestimmungsrecht gegeben werden soll. Jegliche Art von Plebiszit oder Referendum würde im Hinblick auf diese überwiegend deutschen Bezirke eine reine Formalität sein.“

Die vier Mächte hatten damit, untereinander in voller Übereinstimmung, im September 1938 territoriale Bestimmungen des Versailler Vertrages auf dem Verhandlungsweg revidiert; diese Möglichkeit war in den Friedensregelungen auch vorgesehen. Das Richtmaß für diese Revision lieferte das Recht auf Selbstbestimmung. Wer das hartnäckige Beharren der Sudetendeutschen und aller anderen Vertriebenen auf diesem Recht als Revanchismus diffamiert, ist kaum des Mitleids wert, das jedem zerebral schwächer Bemittelten aus christlicher Fürsorge gebührt.


Obiger Text ist eine Leseprobe aus:

Hellmut Diwald: Deutschland Einig Vaterland – Geschichte unserer Gegenwart
Ullstein Verlag GmbH, Frankfurt am Main & Berlin, 2. Auflage, Oktober 1990
Druck und Verarbeitung: Ebner, Ulm.
388 Seiten, Hardcover
ISBN 3-550-07662-3


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