Friedrich der Große – König von Preußen

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Friedrich der Große denkt, lebt und wirkt als Mensch wie als Herrscher aus dem Geiste der Aufklärung heraus. Sein Auge ist völlig rationalistisch eingestellt. Daraus ergeben sich die verschiedenen Seiten seiner Weltbetrachtung und Stellungnahme, sein Verhältnis

1. zur Philosophie
2. zur Religion
3. zur Ethik
4. zum Staatsrecht
5. zur Politik
6. zum deutschen Geistesleben
7. Der praktische Staatsmann und Politiker.

1. Sein Verhältnis zur Philosophie. Obwohl der „Philosoph auf dem Thron”, entbehrte Friedrich der Große einer tieferen Spekulationskraft wie einer breiteren philosophischen Kenntnis. Aber sein ganzes Wesen trug, der Zeit entsprechend, einen philosophischen Zug. Von den deutschen Philosophen hatte er Fühlung nur mit Chr. Wolff, war indessen in etwa auch beeinflusst von Leibniz. Die stoische Literatur des ausgehenden Altertums dagegen war ihm zum Teil durch eigene Lektüre bekannt. Im übrigen atmete er in der Atmosphäre eines Voltaire und der französischen Enzyklopädisten.

2. Sein Verhältnis zur Religion. Im Gegensatz zu einem Großteil der französischen Aufklärer hielt Friedrich fest am Gottesglauben. Die Harmonie und die gesetzmäßige Ordnung der Natur schienen ihm einen Weltschöpfer notwendig vorauszusetzen. Indes kreuzten sich zwei Gedankenreihen in seinem Gottesbegriff. Neben den deistisch-idealistischen Vorstellungen von einem persönlichen Gott finden sich unter dem Einfluss der Enzyklopädisten naturalistische, welche zu obsiegen drohen: Gott als die Einheit der Natur, als die beseelende und tragende Kraft des Alls. Im Licht des deistischen Gottes steht die Welt gänzlich unter der Einwirkung der Vorsehung; der naturalistische Gott unterwirft sie einem allbeherrschenden Determinismus. Von hier aus verschließt sich für Friedrich der Zugang zu den positiven Religionen. Für sie hat er nur Ablehnung und Spott. Er betrachtet sie als Priesterlug und -trug und ist gegen sie nicht nur ungerecht, sondern auch unduldsam. Im übrigen lässt er alle religiösen und weltanschaulichen Richtungen gelten und übt weitestgehende Toleranz. Dies einmal aus religiöser Gleichgültigkeit, dann aus politischer Erwägung: Er hielt Verfolgungen für unklug, solang das Staatswohl sie nicht gebot. Indessen besaß er für die sittlichen Wirkungen der Religionen, insonderheit auch des Christentums, hohe Wertschätzung.

3. Sein Verhältnis zur Ethik. Ethisches Verhalten war für Friedrich das Wichtigste. Auch hier paaren sich in ihm zwei Richtungen: die epikureische und die stoische. Entsprechend seiner naturalistischen Gottesvorstellung betrachtete er auch den Menschen als ein naturalistisches Gebilde, dem keine Unsterblichkeit zukommt. Daraus ergibt sich die Forderung, das irdische Leben in jeder Beziehung auszunützen. Vor allem hat der Mensch die Pflicht zu dienen (trotz des allgemeinen Determinismus). Hier obsiegt die Stoa. Besonders das Vaterland hat ein Recht auf die Hingabe der Menschen. Das Motiv der Sittlichkeit sind philosophischen Erwägungen. Diese geben auch die Möglichkeit, dem Bösen zu widerstehen, und die Kraft, alles mit Heiterkeit zu ertragen. Sollte aber das Übel eine allzu große Macht erlangen, so ist es nicht nur erlaubt, sondern geboten, ihm durch freiwilligen Tod zu entrinnen.

4. Sein Verhältnis zum Staatsrecht. Die ernste, stark individualistisch betonte Weltbetrachtung Friedrichs gab auch seiner Staatsanschauung ein bestimmtes Gepräge. Friedrich teilt nicht die Meinung der zeitgenössischen, in Lebensgenuss versunkenen Höfe, dass die Untertanen den Fürsten von Gott lediglich zu ihrem Privatvergnügen gegeben seien. Theoretisch tritt er vielmehr auf den Boden der Naturrechtler und Liberalen. Mit ihnen bekennt er sich zu dem aus Naturbedingungen gewordenen Staat. Freilich ist an diesem Punkt seine Stellungnahme durchaus nicht einheitlich. Mit Aristoteles ist er einmal der Meinung, dass der Staat organisch aus der Menschennatur notwendig hervor wachse. Anderseits bekennt er sich auch zur Vertragstheorie, die den Staat auf einen freiwilligen Entschluss ganzer Gruppen zurückführt. Im Gegensatz zu den Liberalen und vielen Naturrechtlern vertrat Friedrich allerdings den Standpunkt, dass die Menschen dem Fürsten die Staatsgewalt in absolutem und unwiderruflichem Sinn übertragen hätten. Hier bleibt Friedrich den absolutistischen Tendenzen seines Zeitalters treu; er trennt sich indes von ihnen nicht nur durch sein theoretisches Bekenntnis zur konstitutionellen Verfassung, sondern durch den Grundsatz: Alles zum Wohl des Volkes.

5. Sein Verhältnis zur Politik. Das Staatsinteresse galt Friedrich am höchsten. Auch in der Politik sollte die auf praktische Nützlichkeit, den Fortschritt und das Wohl der Bürger eingestellte Vernunft regieren und die Unvernunft herrschender Übelstände überwinden. Eine patriotisch empfindende Publizistik, die Friedrich teilweise von der Zensur befreite, sollte weithin Interesse für die Belange des Vaterlandes wecken und die persönliche Hingabe an den Staat pflegen. In der Außenpolitik lehnte Friedrich die Grundsätze Machiavellis theoretisch ab. In der Praxis aber bekannte er sich oft genug zu ihnen. Nicht selten war auch für ihn das Prinzip des „sacro egoismo” entscheidend. Größe, Macht, Einfluss und Wohlstand des Staates gingen ihm über alles: sie begründeten Recht und Sittlichkeit. Preußen sollte um jeden Preis unter die Großmächte aufrücken.

6. Sein Verhältnis zum deutschen Geistesleben. Ganz in französischer Kultur aufgewachsen, fand Friedrich nie den Weg zum deutschen Geistesleben. Wie die Sprache blieben ihm die Literatur und ihre Führer fremd. Er hatte für sie weder Verständnis noch Wertschätzung. Aber durch seine Taten hat er nicht nur den Wohlstand, sondern vor allem das nationale Bewusstsein Preußens, ja ganz Deutschlands, das tief daniederlag, außerordentlich gehoben. Dadurch hat er den kulturschöpferischen Geist seiner Nation aufs nachhaltigste inspiriert und geholfen, ihm die Wege zur Entfaltung frei zu machen.

7. Der praktische Staatsmann und Politiker. Dieser verhältnismäßig einheitlichen Beurteilung der geistigen Physiognomie Friedrichs stehen namentlich in der Gegenwart starke Meinungsverschiedenheiten gegenüber bezüglich seiner Bewertung als praktischer Staatsmann und Politiker. In großdeutschen Kreisen, vor allem in Österreich und Süddeutschland, betrachtet man Friedrichs Außenpolitik als einen Verrat am Deutschtum und am Reich, als ein Verhalten, das, nur von egoistischen, dynastisch-preußischen Interessen bestimmt, nicht einmal vor einem Paktieren mit den innern und äußern Feinden des Kaisers zurückgeschreckt wäre. Nach kleindeutscher und besonders preußisch-nationalistischer Auffassung, die auch bisweilen antikatholische Tendenzen zeigt, aber hat Friedrich mit genialem Weitblick durch den Aufbau der preußischen Großmacht erst die Vorbedingungen für einen zukunftsstarken deutschen Nationalstaat geschaffen. Hier habe sich reines deutsches Wesen entfaltet, wohingegen Österreich mit seinen fremden Elementen einen undeutschen Eindruck mache. Demgegenüber nun wird von großdeutscher Seite auf die hohe Bedeutung der außerdeutschen Bestandteile Österreichs als deutsches Kolonialland hingewiesen. In dieser zugespitzten Form sind beide Urteile einseitig und nicht frei von Ressentiments. Richtig ist, dass Friedrich wie die meisten, wenn nicht alle deutschen Dynasten seiner Zeit nicht reichstreu war und seine eigenen Interessen rücksichtslos verfolgte. Aber tatkräftiger und weitblickender als diese hat er eine große fortschrittliche innenpolitische Entwicklung eingeleitet, die für den Ausbau des modernen Staates in der ganzen folgenden Zukunft, ja zum Teil noch in der Gegenwart von Wichtigkeit ist. Hier ist besonders zu denken an die staatliche Pflege und Förderung des Handels und der heimischen Industrie, wodurch Friedrich die Abhängigkeit vom Ausland weithin überwand; ferner an die Hebung der Landwirtschaft und die kolonialen Siedlungen. Zu erinnern ist an die höchst modern anmutenden Versuche staatssozialistischer Planwirtschaft, an die ausgleichende und von sozialem Geist zeugende Steuerreform, die Neugestaltung der Rechtspflege und ihre Trennung von der Verwaltung, die Humanisierung des Strafgesetzes, die Schöpfung eines neuen, durch Tradition, Treue, Staatsgesinnung und Fachtüchtigkeit charakterisierten Beamtenstandes, endlich an die Verwirklichung demokratischer Gesinnung, aus der heraus Friedrich dem Gedanken städtischer Selbstverwaltung nahe trat, allen Bürgern gleiches Recht gewährte, ihnen den Zugang zur Bildung durch eine sozial gerichtete Pflege des Unterrichtswesens ermöglichte und sich zur Bewertung eines Menschen gemäß seinen Verdiensten unter Absehung von seiner Herkunft bekannte.

Schrifttum. Friedrichs eigene Schriften: Histoire de mon temps. Neue Ausg. (1846) in den (Euvres de Frederic le Grand, ed. Preuß, Bd. 1—6 u. die polit. Korrespondenz (seit 1879). Die Ausgabe der Werke Fr.s von G. B.Volz (1912/14) u. die Einleitung des Hrsg. Ferner: K. Biedermann, Friedrich der Große u. sein Verhältnis zur Entwicklung des dtsch. Geisteslebens (1859). H. Merkens, Fr.s d. Gr. Philosophie, Religion, Moral (1876). E. Zeller, Friedrich der Große als Philosoph (1886). H.Pigge, Die relig. Toleranz Fr.s d. Gr. (1899). Ders., Die Staatslehre Fr.s d. Gr. (1904). R. Koser, Friedrich der Große als Kronprinz (21901). Ders., Geschichte Fr.s d. Gr. (4 Bde, 4’51912/14; hier auch umfassende Literaturangaben). Fr. Lienhard, Wege nach Weimar III (1911). H. Reiß, Die Staatsauffassung Fr.s d. Gr. (1922). L. Rieß, Das Zeitalter des Absolutismus u. der Auf klärung (1923). W.F.Redda-way, Frederick the Great and the rise of Europe (1925). Fr. v. Bötticher, Friedrich der Große als Lehrer von Lebensweisheit u. Führertum für unsere Zeit (1925). R. F. Kaindl, Österreich, Preußen, Deutschland (1926). W. Abegg, Lehren aus dem Entwicklungsgang Fr.s d. Gr. u. Napoleons I. für die heutige Zeit (1926). G. B. Volz, Friedrich der Große, ein Bild seiner Zeit (1926). J. P. Steffes.urde am 24. Januar 1712 in Berlin geboren. Sein Vater war Friedrich Wilhelm I., König von Preußen, seine Mutter Sophie Dorothea von Hannover. Nach Desertion mit seinem besten Freund Katte im Jahre 1730 wurde dieser im Beisein Friedrichs hingerichtet, Friedrich selbst als Thronfolger zu 3 Jahren Festungshaft verurteilt. Nach seiner Entlassung im Jahre 1732 wurde Friedrich im Alter von 20 Jahren zum Kommandeur eines Infanterieregiments in Ruppin ernannt. 1733 heiratete er in Wolfenbüttel die 21jährige Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern. Nach seiner Dienstzeit als Regimentskommandeur gründete er 1736 mit seiner Frau in Schloß Rheinsberg einen eigenen Hausstand. 1739 veröffentlichte er anonym sein Werk “Antimachiavel”.

Nach: J.P. Steffes, Staatslexikon, Zweiter Band, Sp. 298 – 301, Herder & Co. GmbH, Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1927.



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