Friedenspolitik ohne Kompromisse: Das Deutsche Reich und Bismarcks Außenpolitik

dkrBerlinerKongress
Seit der Reichsgründung im Jahre 1871 wurde die europäische Politik von zwei maßgeblichen Kräften geprägt. Der Revanchepolitik Frankreichs, dass nach dem von ihm entfachten und verlorenen Kriegvon 1870-71 seine alte Vormachtstellung in Europa wiederherstellen wollte, sowie der friedenserhaltenden Politik des äußerlich saturierten und auf seine innere Ausgestaltung konzentrierten Deutschen Reiches.

So lange Frankreich nach dem verlorenen Angriffskrieg außenpolitisch isoliert war, ging von ihm keine unmittelbare Kriegsgefahr aus, da es auf sich allein gestellt zu schwach war, um einen neuen Krieg mit Deutschland riskieren zu können. Doch wie lange konnte man sich auf diese Konstellation verlassen?

Im Bewusstsein dieser permanenten Bedrohung stützte sich die deutsche Politik der Friedenssicherung auf drei Pfeiler. Zum einen auf eine Politik der Verständigung und des Ausgleichs gegen jeden Staat. Dies schloss ausdrücklich auch Frankreich ein, dass in den vorangegangenen 70 Jahren vielfach, also in gerade mal einem Menschenleben, allein die deutschen Länder dreimal mit Krieg überzogen hatte.

So erhielt Frankreich 1871 vergleichsweise milde Friedensbedingungen, die es ohne sonderliche Anstrengung innerhalb weniger Jahre erfüllen konnte und ihm schon bald einen wirtschaftlichen Wiederaufstieg ermöglichten, während es militärisch ohnehin nicht besonders geschwächt wurde. Zudem wurden die von Frankreich bald in Angriff genommenen kolonialen Eroberungen vom Deutschen Reich sehr wohlwollend begleitet. Insgeheim hoffte man, dass Frankreich dies als eine Art Kompensation für die Herausgabe der über viele Jahre von ihm besetzt gehaltenen deutschen Provinz Elsaß-Lothringen akzeptieren würde.

Doch anders als beim preußisch-österreichischen Krieg von 1866, nach dem Bismarck durch ähnlich kulante Bedingungen gegenüber Österreich schon recht bald wieder partnerschaftliche Verhältnisse herstellen konnte, nahm Frankreich zwar ohne Zögern das ihm gezeigte Entgegenkommen an, letztlich aber doch nur, um sich so rasch als möglich zu stärken und auf eine erneute Auseinandersetzung mit Deutschland vorzubereiten.

Die zweite Säule der deutschen Sicherheitspolitik bildete Bismarcks Bündnissystem. Hierzu gehörte das 1879 mit Österreich geschlossene Verteidigungsbündnis, das 1884 durch den Beitritt Italiens zum Dreibund erweiterte wurde, wie auch der Rückversicherungsvertrag mit Russland.

Trotz alter konfessionellen Zwistigkeiten und der innerdeutschen Rivalität war und blieb Österreich der natürliche Verbündete des Deutschen Reichs; war man doch letztlich ungeachtet der politischen Zufälligkeiten der jeweiligen Staatsgrenzen ein Volk. Somit war die gleichsam naturgegebene deutsch-österreichische Partnerschaft ein, wenn nicht das feststehende Axiom der deutschen Politik.

Das deutsch-österreichische Bündnis des Jahres 1879 beinhaltete einen militärischen Beistandspakt für den Fall, dass eines der beiden Länder von Russland oder durch eine von Russland unterstützte Macht angegriffen würde, sowie die Verpflichtung zu wohlwollender Neutralität, falls einer der beiden Partner durch ein anderes Land angegriffen würde. Es handelte sich mithin um ein reines Verteidigungsbündnis, dass zudem gute Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Russland nicht ausschloss. Um diese nicht zu gefährden offenbarte Bismarck der russischen Regierung den Inhalt des an sich vertraulichen Vertrags in groben Zügen, ein Vertrauensbeweis, der kurze Zeit später zum Abschluss des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrags führte.

Die dritte Säule der deutschen Sicherheitspolitik bildete die militärische Abschreckung. Das Deutsche Reich, eingekreist gleich von mehreren der damaligen Weltmächte, die allesamt über lange Zeiträume hinweg bewiesen hatten, dass sie günstige Gelegenheiten zur eigenen Machtentfaltung nicht nur ohne jeden Skrupel, sondern mit größter Selbstverständlichkeit auszunutzen wussten, befand sich hier in einer alptraumhaften Situation. Ohne sichere Grenzen, von fast allen Seiten durch teilweise weit überlegene Mächte eingekreist, war es auch bei bester Rüstung nicht in der Lage, gegen ein Bündnis von auch nur zwei der Großmächte bestehen zu können. An der grundsätzlich feindseligen Haltung der Franzosen konnte auch durch größtes Entgegenkommen nichts geändert werden. In dem Moment, in dem es Frankreich gelingen würde, einen Bündnispartner zu finden, war ein für das Deutsche Reich existenzbedrohender Krieg nur noch einen Vorwand weit entfernt. Vor diesem Hintergrund ist auch das militärische Gepränge in Deutschland zu sehen. Die hohe Bedeutung, die das Militärische im Deutschen Reich teils vom alten Preußen erbte, dass ja in einer ähnlich schwierigen Situation existierte, und teils aus seiner eigenen militärischen Lage hervor ging, entsprang also tatsächlich weniger einer besonderen Lust der Deutschen am militärischen, als einem trotzigen, wenn nicht verzweifelten Überlebenswillen in einer erwiesener Maßen feindseligien Umwelt.

Bismarck gelang es mit seiner Politik über Jahrzehnte den Frieden für das junge deutsche Kaiserreich zu sichern und ganz nebenbei auch in anderen Regionen Europas große militärische Auseinandersetzungen zu verhindern. Doch wie lange konnte seine Bündnisakrobatik den Frieden sichern, angesichts der grundsätzlichen Kriegsentschlossenheit Frankreichs, der Käuflichkeit des italienischen Bündnispartners, der unter der Fahne des Panslawismus betriebenen und gegen Österreich-Ungarn gerichteten Expansionspolitik Russlands und Serbiens und dem zunehmend feindseligen Neid Englands gegen das erstarkende und insbesondere auf allen Gebieten des nicht-militärischen Kulturlebens uneinholbar erfolgreichen Deutschen Reiches?

Ergänzende Deutschland-Dokumente (in Vorbereitung):




Kommentar verfassen