Die Buren als Objekte britischer Kolonialpolitik

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Die ersten Buren kamen 1652 nach Südafrika. Es waren vornehmlich niederländische und deutsche Auswanderer, die sich in der lebensfeindlichen Wildnis an der Südostspitze des Kontinents niederließen. Ihre erste größere Siedlung war das heutige Kapstadt. Das aus dem holländisch-niederdeutschen Sprachraum stammende Wort Buren bedeutet auch soviel wie „Bauern“. Synonym wurden die Buren auch Boeren, Afrikaander oder Afrikaners genannt.

Am Ende des 19. Jahrhunderts geriet das südliche Afrika erneut in das Visier der britischen Kolonialpolitik, die sich unter dem britischen Premierminister D’Israeli zu einer Art industriell betriebenen Eroberung und Unterdrückung fremder Länder entwickelt hatte. D’Israeli entstammte einer jüdischen Familie, hatte seinen Glauben aber zumindest formal abgelegt, um in England, das zu dieser Zeit als älteste Demokratie der Welt galt, in der öffentlichen Verwaltung und Politik ein gehobenes Amt ausüben zu dürfen. Schnell gelang es ihm, eine inniger Vertrauter der britischen Königin Victoria und als Premierminister der mächtigste Mann des britischen Weltreichs zu werden. Obwohl England schon zu D’Israelis Amtsantritt das größte Kolonialreich der Welt besaß, gelang es D’Israeli, die Unterwerfung und Ausbeutung fremder Völker erheblich zu perfektionieren und zu beschleunigen. Unter seiner Führung vollzog sich so etwas wie die industrielle Revolution der Kolonialpolitik, hin zu einem, systematisch betriebenen, weltweiten Imperialismus.

Dies hatte nicht nur dramatische Folgen für die unterworfenen Länder, sondern verursachte auch einen extremen Handlungsdruck in Ländern, die sich in einer vergleichbaren ökonomischen Situation wie England befanden. Etablierte Kolonialreiche, wie Frankreich, Spanien oder die Niederlande mussten ihre Bemühungen intensivieren, um ihre Eroberungen nicht einzubüßen, verspätete Naitionalstaaten wie Deutschland oder Italien sich notgedrungen auf die letzten Landflecken stürzen, um dem Risiko zu entgehen, vom globalen Handel ausgeschlossen zu werden. Teils aus nachvollziebaren ökonomischen und militärstrategischen Notwendigkeiten, teils aus nationalem Prestigedenken verursachte der von D’Israeli begründete, totale Imperialismus so zunehmend Konflikte zwischen den europäischen Großmächten, wenig später auch den USA und Japan, die schließlich in den ersten Weltkrieg mündeten.

Für die Buren begann der Kampf gegen den globalen britischen Expansionismus schon 100 Jahre zuvor. Obwohl in keiner Hinsicht dem britischen Imperium gewachsen und ohne nennenswerte Verbündete in der Welt, konnten sie sich bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts gegen Großbritannien behaupten, dass sie schließlich in den Jahren 1835 bis 1838 gewaltsam von den von ihnen seit 300 Jahren bewirtschafteten Farmen vertrieb. Im so genannten Großen Treck zogen die Buren nach Norden, wo sie unter schwierigsten Bedingen erneut begannen, das Land urbar zu machen. Im Unterschied zu ihrer früheren Heimat hatten die Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Transvaal jedoch keinen freien Zugang zum Meer und waren nun nahezu vollständig von britischem Kolonialgebiet eingekreist.

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Das britische Kolonialreich vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Rund um den Globus hat Großbritannien fremde Länder erobert. 1914 kontrollierte England mehr als ein Viertel der Erdoberfläche, ein Gebiet, 140mal so groß wie das englische Mutterland. Kaum ein Volk unterwarf sich den Kolonialherren freiwillig. Immer wieder kam es zu verzweifelten Aufständen. Die rücksichtlose wirtschaftliche Ausplünderung führte z.B. in Indien zu einer Hungerkatastrophe, der zwischen 1800 und 1900 32 Millionen Menschen zum Opfer fielen, davon 26 Millionen allein im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. An gefangen genommenen Aufständischen übte die britische Armee brutal Rache.

Solange Englands Auseinandersetzung mit Frankreich wegen des Niltals andauerte, es aufgrund seiner Ansprüche auf Venezuela selbst mit den Vereinigten Staaten von Amerika zerstritten war und zu allem Überfluss in Indien ein Hungeraufstand wütete, schien der englische Imperialismus den Buren eine Schonfrist zu gewähren, doch schon kurz nachdem es diese Krisenherde in den Griff bekommen hatte, gerieten die burischen Freistaaten erneut ins Visier der britischen Weltmachtpolitik.

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Das Bild zeigt die öffentliche Hinrichtung indischer Stammesfürsten durch „blow away“. Es ist das, wonach es aussieht. Angesichts einer solchen Vergangenheit ist es vielleicht verständlich, warum im englischen Fernsehen so häufig Dokusoaps über die Nazi-Zeit gezeigt werden.

1899 übergaben die Uitlander (in die Burenrepubliken eingewanderter Ausländer, insbesondere aus England und seinen Kolonien) der britischen Regierung eine Erklärung, in der sie Benachteiligungen durch die Buren beklagten. Lord Willner, der englische Oberkommissar für Südafrika, forderte daraufhin Ohm Krüger, den Präsidenten der Republik Transvaal ultimativ auf, die Wahlkreise zugunsten der Uitländer zu ändern sowie das Wahlrecht für alle Ausländer, die länger als 5 Jahre in Südafrika lebten, einzuführen. Insbesondere für den Industriebezirk, wo viele englische Gastarbeiter lebten, sollte im Volksraad von vorn herein ein Viertel aller Stimmen reserviert werden. In der Hoffnung, den Frieden und die territoriale Unversehrtheit der Burenrepubliken so erhalten zu können, gab Präsident Krüger diesen Forderungen weitgehend nach, bekräftigte jedoch zugleich, dass Transvaal ein unabhängiger Staat sei und bleiben wolle. Gleichzeitig appellierte er an Chamberlain, künftig zunächst ein neutrales Schiedsgericht anzurufen und auf Gewaltandrohung und kriegerische Übergriffe zu verzichten.

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Die Crown-Mine bei Johannesburg. Nachdem es den Buren wider erwarten ein zweites Mal gelungen war, der Wildnis eine zuhause abzutrotzen, schien das Schicksal sie für all das Leid entschädigen zu wollen. Die unwirtliche Wildnis erwies sich als reich an Rohstoffen. England, das als Erfinder des Imperialismus für sich ohnehin schon entschieden hatte, Afrika „vom Kap bis Kairo“ unter seine Kontrolle zu bringen, arbeitete daraufhin noch entschiedener auf die Annektion der Burenrepubliken hin.

Chamberlain nahm Ohms weitgehende Zugeständnisse jedoch kaum zur Kenntnis, seinen Vorschlag zur Einschaltung eines neutralen Schiedsgerichts lehnte er rund heraus ab, da Transvaal kein Großbritannien ebenbürtiger Staat sei und Schiedsgerichte nur zwischen gleichberechtigten Staaten zu vermitteln hätten. Statt dessen verschärfte er seine Forderungen abermals und verlangte nun auch, dass das Gesetz zur Änderung des Wahlrechts noch vor der Lesung im Volksraad in London zur vorherigen Prüfung und Genehmigung vorgelegt werden müsse, womit er nicht nur Parlament und Regierung der Buren zutiefst demütigte, sondern auch einen offenen Bruch des Vertrages von Pretoria vollzog.

Es lohnt an dieser Stelle einen Moment inne zu halten, um sich bewusst zu machen, mit welchem Selbstverständnis damals (und in den voraus gegangenen Jahrhunderten) Großbritannien und die anderen Großmächte Außen- und Machtpolitik betrieben. Es war eine rein nationale Machtpolitik, ohne jeden moralischen Anspruch, in der allein das Recht des Stärkeren galt. Sich dieses Selbstverständnis bewusst zu machen ist wichtig, um das ganze Ausmaß des Zynismus und der Scheinheiligkeit zu begreifen, mit der kein halbes Menschenleben später von den gleichen Regierungen über das in diese Weltordnung hineingewachsene Deutsche Reich moralisierend zu Tisch gesessen wurde.

Gleichzeitig begann England Reservisten zu mobilisieren und starke Truppenverbände nach Südafrika zu entsenden. Nach der Landung der ersten britischen Truppen verschärfte Chamberlain abermals seine Forderungen und verlangte nun zusätzlich die Loslösung und völlige „Selbstverwaltung“ Johannesburgs, eine vom Volksraad unabhängige Rechtssprechung, die Abschaffung des Dynamitmonopols (eine wichtige Einnahmequelle der Burenrepubliken), die Schleifung des Forts von Johannesburg und Englisch als Unterrichtssprache an allen Schulen.

Spätestens von nun an war für jedermann klar, dass es England nicht um die Erreichung irgendwelcher Einzelforderungen, sondern um die völlige Unterwerfung der an Rohstoffen reichen Burenrepubliken ging. Die Burenrepubliken sollten zu einem Krieg provoziert werden, dessen Ausgang wie schon so oft zuvor und danach im Wesentlichen feststand. Um das internationale Ansehen zumindest pro forma zu wahren und die inzwischen laut gewordene internationale Kritik zu neutralisieren, bediente man sich des ebenfalls bewährten Mittels der eskalativen Provokation und Aggression. Noch einmal appellierte Burenpräsident Krüger an Chamberlain, internationales Recht und bestehende Verträge zu achten, zur Klärung offener Fragen ein internationales Schiedsgericht anzurufen und die in immer größerer Zahl nach Südafrika verschifften Truppen wieder zurückzubeordern. Mit der Arroganz einer Weltmacht und im Bewussten seiner militärischen Überlegenheit weigerte sich England jedoch, diese Vorschläge überhaupt nur zu diskutieren.

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Britische Truppen, die in Capland gelandet sind. Schwere Geschütze gegen schlecht bewaffnete Landwirte.

Nachdem England alle Gesprächs- und Kompromissangebote ablehnte, seine Forderungen immer wieder verschärfte und seine Truppen in Südafrika zügig verstärkte, eine dauerhafte friedliche Einigung also aussichtslos und der englische Wille zu einer gewaltsamen Unterwerfung der Burenrepubliken unverkennbar war, entschlossen sich die Buren am 11. Oktober 1899, angesichts des von Tag zu Tag zu ihren Ungunsten entwickelnden Kräfteverhältnisses, zu den Waffen zu greifen und zu kämpfen, solange überhaupt noch eine geringe Chance zur Bewahrung ihrer Unabhängigkeit bestand.

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Die Buren, im normalen Leben fromm und bäuerlich, schlossen sie sich nach dem Aufmarsch der englischen Invasionsarmee an ihren Grenzen zu bewaffneten Heimwehren zusammen. Der englischen Armee nicht nur zahlenmäßig, sondern auch was Bewaffnung, militärische Ausbildung und Erfahrung anging um ein Vielfaches unterlegen, kämpften sie jedoch mit außerordentlicher Tapferkeit und enormen Improvisationstalent.

Auch noch während des Krieges versuchten die Buren eine Einigung mit England herbeizuführen. So reiste der Burenführer Ohm Krüger um die Jahreswende 1900/1901 nach Europa, um befreundete Staaten um Hilfe zu bitten. Besondere Hoffnung setzte er dabei nicht zuletzt auf den Deutschen Kaiser Wilhelm II., da deutsche Auswanderer nach den Holländern die wichtigste Volksgruppe der Buren stellten. Ohm Krügers Hoffnungen wurden bitter enttäuscht. Es kam nicht einmal ein Gespräch mit dem Kaiser zu Stande, denn Deutschland befand sich inzwischen selbst in einer äußerst bedrohlichen Situation. Frankreich, das in den vorausgegangenen 300 Jahren immer wieder das deutsches Territorium bedroht, bekriegt und annektiert hatte, hatte sich inzwischen aus der internationalen Isolierung befreit, in die es nach seinem letzten Angriffskrieg 1870 geraten war, und das riesige russische Zarenreich zum Verbündeten gewinnen können. Bismarcks Alptraum war wahr geworden, Deutschland von den beiden Großmächten Frankreich und Russland eingekreist. In dieser Situation musste die deutsche Reichsregierung alles vermeiden, was zu einem Konflikt auch noch mit dem englischen Kolonialreich hätte führen können. Auch ein Vermittlungsversuch der holländischen Königin wurde von England abgewiesen, dass seine wahren Ziele inzwischen enthüllt, und die völlige Einverleibung der beiden Burenstaaten in die englische Kapkolonie gefordert hatte.

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Lord Kitchener und andere hohe Offiziere der britischen Expeditionsarme. Als es Ihnen auch mit einer vielfach überlegenen und bestens ausgerüsteten Armee von zuletzt 550.000 Mann nicht gelang, die 80.000 bewaffnete Männer umfassende burische Landwehr zum Aufgeben zu zwingen, entschloss man sich, zunächst 100.000 zivile Geiseln zu nehmen, in Konzentrationslagern zu internieren und bei anhaltendem Widerstand der Buren durch entsprechende Ausgestaltung der Haftbedingen nach und nach umzubringen. Obwohl alle europäischen Staaten scharf gegen dieses Vorgehen protestierten, erhielt Lord Kitchener für dieses Vorgehen nicht nur Rückendeckung aus London, sondern wird heute noch als eine Art Nationalheld verehrt.

Die Buren kämpften zwar außerordentlich zäh und tapfer und erwiesen sich zudem als hervorragende Schützen, konnten aber auf Dauer einer Weltmacht, die seit langem im Überfallen und unterjochen fremder Völker und Kontinente geübt war, die das Kriegshandwerk zu einer vornehmen Wissenschaft erhoben hatte und nun Woche um Woche frische Truppen und neues Kriegsgerät anlandete, auf Dauer nicht standhalten. Im Frühling schließlich gaben die englischen Eroberer die Annexion des Oranje-Freistaates, im Herbst die von Transvaal bekannt, nachdem der größte Teil der Burenarmee von den englischen Truppen unter den erfahrenen Generälen Lord Roberts und seinem Generalstabschef Kitchener aufgerieben worden war. Die verbliebenen Reste der Buren gaben jedoch immer noch nicht auf, änderten lediglich ihre Taktik und begannen einen aufgrund ihrer guten Landeskenntnis durchaus erfolgreichen Guerilliakrieg gegen die englische Besatzungsarmee. Um die Buren zur vollständigen Aufgabe zu zwingen, ließ Lord Roberts die Frauen und Kinder der Buren als Geiseln nehmen und in so genannten „concentration camps“ internieren.

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Um die burische Heimwehr zum Aufgeben zu zwingen, internierte die englische Expeditionsarmee 100.000 zivile Geiseln, vorzugsweise Frauen und Kinder der einheimischen Soldaten, in so genannten „concentration camps“.

Da die Vorgeschichte dieses Krieges zur damaligen Zeit allgemein bekannt war, lag die Sympathie der meisten Völker, nicht nur der europäischen, auf Seiten der Buren, während das englische Verhalten allgemein verurteilt wurde, ohne dass dies jedoch irgend etwas bewirkt hätte. Erst nach dem Tod von Königin Victoria, die unter Anleitung ihres Vertrauten und Beraters Disraeli den modernen Imperialismus als exzessive Form des Kolonialismus in der Weltpolitik etabliert, und damit wesentlich und ursächlich zu den späteren Weltkriegen beigetragen haben dürfte, willigte König Eduard VII. in Friedensverhandlungen mit den überlebenden Buren ein, die am 31. Mai 1902 zum Abschluss eines Friedensvertrages führten. Die Buren erhielten einige Zugeständnisse, wie die Erlaubnis, dass Ihre Landessprache an den Schulen weiterhin gelehrt werden dürfte und auch wirtschaftliche Wiederaufbauhilfe. Ihr Weg in das britische Kolonialreich war jedoch nun nur noch eine Frage der Zeit. Im Jahre 1909 wurden Transvaal, der Oranje-Freistaat, Natal mit der Kap-Kolonie zur Südafrikanischen Union zwangsvereinigt und somit dem britischen Weltreich endgültig einverleibt.

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Durch systematische Unterernährung und unzureichende medizinische Versorgung starben innerhalb des ersten Jahres 20.000 der Geiseln.

Ergänzende Deutschland-Dokumente:

  • Friedenspolitik ohne Kompromisse: Das Deutsche Reich und Bismarcks Außenpolitik
  • Politik als Staatskunst, Ihr Begriff und Wesen von Geh. Justizrat Philipp Zorn, Mitglied des Herrenhauses, Kronsyndikus, o. Professor d. E. an der Universität Bonn
  • Bismarcks stärkster parlamentarischer Gegenspieler war der katholische Zentrumsabgeordnete Ludwig Windthorst
  • Brief Theodor Herzls vom 19.Juni 1895 an den Fürsten Otto von Bismarck
  • Das Bismarck-Häuschen am Göttinger Wall
  • Bismarck über Boetticher
  • Kaiser Wilhelm I.
  • Kaiser Friedrich III.
  • Kaiser Wilhelm II.
  • Der Dreibund
  • Das politische Gesicht Europas nach Bismarcks Reichsgründung
  • Konrad Duden leistete mit seinem Wörterbuch einen wichtigen Beitrag zur sprachlichen Einheit Deutschlands
  • Das Brandenburger Tor um 1900
  • Das Reichstagsgebäude in Berlin

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