Deutschland und Österreich

Michael Hainischvon Michael Hainisch, Wien


Österreich ist deutsches Kolonialland. Zum Schutze gegen die Avaren hat bekanntlich Karl der Große die deutsche Ostmark gegründet, die unter dem kräftigen Geschlechte der Babenberger ihre Aufgabe trefflich erfüllte. Nach dem Tode des letzten Babenbergers um die Mitte des 13. Jahrhunderts erhob der Böhmenkönig Ottokar Ansprüche auf das verwaiste Land. Nach dessen Niederlage bei Jedenspeigen belehnte Rudolf von Habsburg seine Söhne mit den österreichischen Ländern zu gesamter Hand. Diese Länder wurden in der Folgezeit der feste Kern, um den die Habsburger ihre gewaltige Hausmacht gründeten. Von der hervorragendsten Bedeutung war die Verbindung Österreichs mit den Sudetenländern und mit Ungarn, welch letztere sich freilich erst nach jahrhundertelang währenden Kriegen mit den Türken herstellen ließ. Im 18. Jahrhundert erhielt die Monarchie aus der Teilung Polens einen bedeutenden Gebietszuwachs, vor einem Menschenalter einen solchen durch die Okkupation Bosniens, während die italienischen Provinzen verloren gingen.

Das Reich der Habsburger ist im Weltkriege zusammengebrochen, aber dieser hat doch nur eine Entwicklung zum Abschlusse gebracht, die sich infolge des Wachsens zentrifugaler Bestrebungen und der Unfähigkeit des Herrschers, dieser Herr zu werden, langsam aber stetig vollzogen hat. Nun entstanden die Sukzessionsstaaten, die sich aus der Konkursmasse der alten Monarchie das nahmen, was ihnen zu besitzen wünschenswert erschien. Was übrig blieb, ist das Gebiet des heutigen Österreichs — geographisch betrachtet — ein reines Missgebilde. Es zieht sich in einem langen Streifen von der ungarischen Tiefebene bis zum Bodensee. Stellenweise, wie in Tirol, ist dieser Streifen so schmal, dass das Volk das Gebiet scherzweise als Kegelbahn bezeichnet. Aber auch dort, wo wie im Osten des Landes der Staat in die Breite wächst, ist er mit einem Auto in wenigen Stunden zu durchqueren. Hinzu kommt, dass Wien, die Hauptstadt des Staates, weit vorgeschoben im Osten liegt. An schönen Tagen kann man mit freiem Auge tief in die Tschechoslowakei hineinblicken. Noch näher lag die alte ungarische Grenze, wäre das Burgenland nicht an Osterreich angegliedert worden, so hätte sich Wien unter den ungarischen Kanonen befunden, der wichtige Eisenbahnknotenpunkt Wiener-Neustadt wäre sogar von Ungarn aus mit Infanteriegewehren zu beschießen gewesen. Aber auch nach Beseitigung dieser Bedrohung ist Osterreich politisch ungemein schwach, so dass es Anschluss an Mächtigere suchen muss.

Schon rein geographisch betrachtet, wäre der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich das Natürliche. Vorarlberg und Tirol sind weit vorgeschobene Posten, die mit den Gebieten des Deutschen Reiches enge Beziehungen, und zwar auch solche wirtschaftlicher Natur, unterhalten, was von Tirol und Vorarlberg gilt, gilt bis zu einem gewissen Grade auch von Salzburg und den westlichen Teilen Ober-Österreichs, die sogar eine Zeitlang zu Bayern gehört haben. Zu den geographischen Momenten kommen aber noch ausschlaggebend die nationalen, wir Österreicher sind nicht bloß Deutsche, sondern in überwiegender Mehrzahl Bajuwaren und Franken und stehen somit mit den uns zunächst liegenden Bewohnern des Reiches im engsten Zusammenhang. Die einzelnen deutschen Stämme und die Bewohner der einzelnen Landschaften haben ihre Eigenart. Darin ist kein nationaler Nachteil zu erblicken. Es sprossen auf deutscher Erde Blumen verschiedenster Art; bindet man sie zusammen, so gibt es einen herrlichen Strauß. Die Österreicher sind ein künstlerisch hochbegabtes Volk. In ihrem Lande steht das Kunsthandwerk auf höchster Stufe, und Wien ist unbestritten die musikalische Hauptstadt der Welt.

Leider stehen dem Anschlüsse die Pariser Friedensverträge hemmend im Wege. Die Franzosen suchten aus lauter Besorgnis vor einer Vergrößerung der deutschen Macht den Anschluss tunlichst zu erschweren. Nur mit Zustimmung des Völkerbundes, in dem Frankreich jederzeit sein Veto geltend machen kann, wäre die Vereinigung Österreichs und Deutschlands möglich. Ich denke, dass man einmal in ferner Zukunft über die Weisheit der Diplomaten, die zu Versailles und St. Germain saßen, ebenso lächeln wird, wie über die Weisheit ihrer Berufsgenossen, die auf dem Berliner Kongress neben das mehr selbständige Bulgarien ein weniger selbständiges Ostrumelien stellten und damit eine Konstruktion schufen, die bei erster Gelegenheit zusammenbrach. Augenblicklich stehen wir indes dem Diktat der Gegner gegenüber und müssen uns fügen.

Österreich ist, wie erwähnt, ein politisch hilfloses Gemeinwesen, doch berührt uns dies augenblicklich nicht all zu sehr, da die Integrität unseres Gebietes zum mindesten durch die Eifersucht der Nachbarn garantiert ist. Weit mehr leiden wir unter den Schwierigkeiten, mit denen die Ausfuhr unserer Industrieprodukte zu kämpfen hat. In der alten Doppelmonarchie hatte sich zwischen den einzelnen Teilen derselben eine gewisse Arbeitsteilung herausgebildet. Besonders die Sudetenländer waren zu Industriegebieten geworden, aber auch die Länder des heutigen Österreich erfreuten sich großen gewerblichen Lebens, dessen Produkte in dem großen Österreich-Ungarn einen zollgeschützten Markt fanden. Für unsere entwickelte Industrie ist nun der heimische Markt von heute zu unbedeutend, sie ist darauf angewiesen, außerhalb der Grenzen des Staates Absatz zu suchen, weit dringender als der politische Anschluss an das Deutsche Reich ist deshalb für uns Österreicher der wirtschaftliche. Auch dieser lässt sich nicht allzu leicht vollziehen. Doch darf man wegen des wirtschaftlichen Anschlusses nicht allzu pessimistisch sein, da wir nicht ohne Bundesgenossen sind. Auch in den Sukzessionsstaaten tritt der Wunsch nach Bildung eines größeren Wirtschaftsgebietes immer mehr hervor, was den bedeutendsten Sukzessionsstaat betrifft, die Tschechoslowakische Republik, so sind die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen ihm einerseits und Deutschland und Österreich andererseits so bedeutend, dass er sich kaum für den Plan einer Donaukonföderation ohne Deutschland und Österreich wird gewinnen lassen. Für Jugoslawien wiederum ist wegen seiner politischen Isolierung die Orientierung nach Mitteleuropa dringend geboten. So steht denn zu erwarten, dass sich in absehbarer Zeit ein mitteleuropäisches Zollgebiet bilden wird.

Damit wäre für unsere Industrie eine Erleichterung geschaffen, der politische Anschluss aber noch lange nicht vollzogen. Ihn werden die Franzosen nach wie vor zu verhindern trachten, wozu sie augenblicklich auch die Macht besitzen. Aber auch die militärische Macht hat ihre Grenzen; sie kann es nicht hintanhalten, dass sich Deutschland und Osterreich das gleiche Strafgesetz geben. Das ist aber nur der Anfang der Rechtsangleichung, denn auch andere Gesetze grundlegender Art ließen sich für beide Staaten beschließen. Unsere ehemaligen Feinde können auch nicht verhindern, dass wir unser Unterrichtssystem dem deutschen anpassen und dass Prüfungszeugnisse, die in einem Staat erworben wurden, auch in dem andern anerkannt werden. Noch weniger liegt es in der Macht der Gegner, es zu hintertreiben, dass ein wachsender Prozentsatz deutscher Studenten sich an österreichischen Hochschulen einschreiben lässt und umgekehrt. Ganz besonders verdient hier die Universität Innsbruck hervorgehoben zu werden, die ihre Blüte dem starken Zuzuge reichsdeutscher Studenten zu danken hat. Dass die Zunahme des Reiseverkehrs Deutschland und Osterreich immer näher bringt, versteht sich von selbst. Noch größere Bedeutung als der Touristenverkehr besitzt der Besuch von nationalen Festen, mögen sie selbst nur reine Sportfeste sein. Die Ausbildung der Verkehrsmittel hat alle Völker der Erde einander näher gebracht, als es vordem der Fall war; noch näher kommen sich infolge dieser Verkehrsentwicklung die Menschen, die durch gemeinsame Abstammung, Sprache, Kultur und Lebensauffassung verwandt sind.

Wäre uns im Jahre 1919 der Anschluss bewilligt worden, so wäre Österreich heute ein Teil des Deutsches Reiches. Ganz ohne Reibungen hätte sich dieser Anschluss gewiss nicht vollzogen. Zum mindesten hätte die plötzliche Angleichung von Gesetzgebung und Verwaltung Schwierigkeiten verursacht. Unsere Gegner zwingen uns, den umgekehrten Weg zu gehen und alles das vorzukehren, was wir im Falle des Anschlusses durchführen müssten. Nun haben wir für diese Vorbereitungen reichlich Zeit, so dass sich alle Maßregeln der Gesetzgebung und Verwaltung einleben können, wie alles in der Welt, hat auch das Verbot des Anschlusses somit seine zwei Seiten, so unerfreulich es an sich ist, so bringt es doch andererseits den Vorteil mit sich, dass der Anschluss einmal wie eine reife Frucht vom Baume fallen wird.

Michael Hainisch, Wien, 1929

Der österreichische Sozial- und Wirtschaftspolitiker Michael Hainisch wurde am 15. August 1858 in Aue bei Schottwein als Sohn der Frauenrechtlerin Marianne Hainisch geboren, am 26. Februar 1940 verstarb er in Wien. Der parteilose Liberale war von 1920 bis 1928 der erste Bundespräsident Österreichs.


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